Antipattern: Augenhöhe

9. Januar 2017
Winald Kasch

Damit hatte Anika irgendwie gerechnet, aber sie war trotzdem überrascht.

Nachdem sie vor sechs Wochen eine Abendveranstaltung ehemaliger Kollegen zum Thema „Neue Welt der Arbeit“ besucht hatte, war sie inspiriert, das Filmprojekt Augenhöhe, das Organisationen porträtiert, die „anders“ arbeiten, auch in ihrem Unternehmen, der „superfuncompany“, vorzustellen. Sie fand, dass das Thema passen würde. Gerade letztens hat sie sich über die pampige Art einiger Führungskräfte geärgert. Und in ihrer Rolle als HR-Referentin hörte sie öfters, dass einige Führungskräfte ab und an über die Stränge schlagen würden.

Sie hatte viel Arbeit in die Vorbereitung gesteckt: Termin finden, Raum finden, Technik klären, Bereichs- und Abteilungsleiter überzeugen, dass sie bei Terminkonflikten von Mitarbeitern Nachsicht walten lassen, usw. Jetzt stand das letzte Abstimmungsgespräch mit ihrem Chef, dem HR-Leiter Gisbert Großmut, an. Er war als ihr Vorgesetzter letztlich für das Projekt und das Ergebnis verantwortlich. Er liess sich die konzeptionellen Planungen von Anika vorstellen: Angesprochener Teilnehmerkreis, Art der Einladung, Nutzen für das Unternehmen, Termin-, Raum- und Technikplanung. Anika stellte ihre Planungen vor und jeder normale Mensch hätte gedacht: Ja, sauber, so läuft das gut. Nur nicht Gisbert Großmut.

Nachdem Anika fertig war, zögerte Gisbert Großmut nicht lange: „Vielen Dank Anika, gute Arbeit. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass wir die Veranstaltung natürlich nicht innerhalb der Kernarbeitszeit durchführen können. Weiterhin dürfen wir das Thema bitte nicht so hoch hängen, bestimmten Menschen bei uns spielt diese Diskussion ja nur in die Hände. Wir stehen als HR-Bereich sowieso schon im Fokus der Kritik. Bei den Krankenständen und der Fluktuation des letzten Jahres… Unter uns: Wir sollten da keine schlafenden Hunden wecken. Bitte legen sie die Veranstaltung auf einen Freitagabend, gerne auch schon ab 17.00 Uhr. Und streichen sie das Catering. Wasser, Bier und Chips sollten reichen. Alles andere können sie so lassen. Danke.“

Anika ging zerknirscht nach Hause.

Am nächsten Tag raffte sie sich auf, das Projekt zum Ende zu bringen. Sie änderte die Einladungsdaten entsprechend und fing an, intern für den Filmabend, der nun in vier Wochen stattfinden sollte, zu werben.

Der Termin rückte näher und Anika hatte so viele Anmeldungen erhalten, dass ihre Befürchtung schwand, es könne ein langweiliger, schlecht besuchter Abend werden. Sie war seit einigen Jahren im Unternehmen und als HR-Referentin gut vernetzt. Das half. Einige Kolleginnen und Kollegen haben das Wort weitergetragen. So erschienen am besagten Freitag trotz der späten Stunde kurz vor dem Wochenende relativ viele Mitarbeiter und einige Führungskräfte. Auch Gisbert Großmut kam.

Nachdem der Film vorbei war, gab es eine angeregte Diskussion zwischen allen Teilnehmern. Beispiele des Films wurden aufgegriffen und versucht zu bewerten. Es wurden Vergleiche mit eigenen Erlebnissen und Situationen gezogen. Erstaunlich war, dass, obwohl die Zuschauer aus unterschiedlichen Ebenen der Organisation kamen, relativ forsch und offen diskutiert wurde. Man könnte sagen: auf Augenhöhe.

Die gesamte Stimmung beeindruckte Gisbert Großmut. Auch er beteiligte sich an den Diskussion und gab seine Meinung kund.

Am nächsten Tag war alles vorbei. Fast alles. Anika war noch berauscht von dem schönen Abend und den guten Gesprächen. Und auch Gisbert Großmut ließ das Thema nicht los. Augenhöhe! Das sollte der Arbeitstitel des neuen Führungskräfteprogramms sein. Seit einigen Wochen arbeiteten er und seine Mitarbeiter an dem neuen Schulungsprogramm, dass in den kommenden Jahren dafür sorgen sollte, dass die Führungskultur sich verbessert, wieder mehr Zug und Effizienz in die Organisation kommt und die Kultur für Mitarbeiter und vor allem neue Kolleginnen und Kollegen attraktiver wird.

Der Film- und Diskussionsabend war der letzte gedankliche Baustein gewesen: Wenn alle Führungskräfte es lernen würden, auf Augenhöhe mit den Mitarbeitern zu sprechen und zu diskutieren, dann sollte das klappen. Er war ja selbst dabei als es an dem Filmabend passierte. Perfekt.

Flugs briefte er seine Mitarbeiter und forderte, dass die Schulungsinhalte des Führungskräfteprogramms konsequent auf das Thema Augenhöhe ausgerichtet werden. Im Kern wünschte er sich eine Konzentration auf alle notwendigen Fähigkeiten, die Führungskräfte benötigen, um mit ihren Mitarbeitern auf Augenhöhe

  • kommunizieren zu können
  • Gehaltsverhandlungen machen zu können
  • Entwicklungspläne gestalten zu können
  • Wertschätzung ausdrücken zu können
  • Konflikte lösen zu können
  • Entscheidungen treffen zu können

Sein Team fluchte innerlich. Es war kurz vor Fertigstellung des von der Geschäftsführung gesetzten Termins für das Programm und die neuen Anforderungen bedeuteten, dass vieles überarbeitet und zum Teil auch komplett neu entwickelt werden müsste. Die nächste Woche würde wieder mal am Limit gearbeitet werden. Selbst Anika, die sich ja im Prinzip über diese Wendung freute, kam das ganze etwas spanisch vor. War Augenhöhe nicht irgendwie was anderes als ein gepimptes Führungskräfteprogramm?

Anika war verunsichert. Sie erinnerte sich, dass auf ihrem Schreibtisch noch „Der kleine Ratgeber zum Thema Augenhöhe“ von ORGANEO lag, den sie am Ende einer Denkwerkstatt bekommen hatte. Auf Seite 3 fand sie eine Begriffsdefinition:

Augenhöhe im Unternehmenskontext bedeutet, dass unabhängig von Hierarchie und Entscheidungsverantwortung aufrichtige, die Würde aller an der Wertschöpfung Beteiligter achtende, wertschätzende, transparente Kommunikation bei der Lösung von Organisationsproblemen stattfindet.

Anika musste diese Definition dreimal lesen. Und dass nicht nur, weil sie jedes Wort auf die Goldwaage legte. Sie hatte das ungute Gefühl, dass ihr Chef, den sie ansonsten durchaus schätzte, sie ausgerechnet zu diesem Thema eben nicht auf Augenhöhe behandelt hatte.

Warum blieb nur der späte Freitagnachmittag als möglicher Termin für diese Veranstaltung? Warum durfte es kein normales Catering, wie sonst bei derartigen Veranstaltungen üblich, geben? Warum hatte er ihr keine Gelegenheit gegeben, mal ihre Sicht auf die Dinge zu schildern? Sie hätte ja durchaus gute Argumente gehabt, fand sie, aber bekam keine Gelegenheit, diese mal zu schildern.

Was sie aber noch mehr störte, war, dass ihr Chef augenscheinlich nicht verstand, dass es bei Augenhöhe um mehr geht als nur Soft-Skills und gutes Schauspiel von Führungskräften. Wenn Augenhöhe Ausdruck einer Haltung ist, dann ist es mehr als nur ein Führungswerkzeug.

(Anmerkung: Dieser Blogartikel ist der Januar-Themenbeitrag des ORGANEO Antipattern Kalenders 2017.)

1 Comment. Leave new

Neues Jahr, neuer Kalender! Und neue Autoren von ORGANEO! - Holisticon
20. Januar 2017 9:17

[…] aber nicht zwingend gut gemachte Verhaltensweisen in Unternehmen beleuchten. Den Anfang macht der Januar-Artikel „Augenhöhe“. Viel Vergnügen bei der […]

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