Antipattern: Führungswerkzeuge

1. Februar 2017
Winald Kasch

„Motivation … Motivation … und das richtige strategische Konzept. Das isses, was den Leuten bei uns fehlt. Hört doch mal auf mit diesem romantischen Ruf nach mehr Selbstentfaltung und Selbstbestimmung am Arbeitsplatz. Ich glaub, dass der ganze Schlamassel der letzten Monate nur damit zu tun hat, dass wir es nicht mehr schaffen, alle hier bei uns richtig zu motivieren. Und wir sehen ja, dass dieser ganze interne Kuschelkurs auf Kosten der Disziplin eingezahlt hat. Sonst hätten wir doch merken müssen, dass wir am Markt was verschlafen. 

Klar, keiner konnte wissen, dass unser Wettbewerber No.1 mit seiner neuen Produktlinie so erfolgreich den Markt stürmt. Damit setzen die uns ganz schön unter Druck und wir müssen unsere Strategie überarbeiten und einige kurzfristige Maßnahmen definieren. 

Wir machen das jetzt so:
 
Gisbert, du nimmst dir die einzelnen Zielvereinbarungen der Abteilungs- und Teamleiter vor. Sieh zu, dass wir da irgendwas machen können. Koppel das am Besten wieder an den Umsatz. Das mit der Kopplung ans Ergebnis war ’ne gute Idee. Aber Du siehst ja, dass da nicht so viel passiert. Im Moment müssen wir wachsen.
 
Birgit, veranlasse du bitte gemeinsam mit unserem externen Berater eine Anpassung unserer strategischen Ziele. Suche bitte eine Wochenende aus, an dem alle Führungskräfte kurzfristig Zeit haben. Da werden wir alles noch mal durchgehen. Am Ende müssen wir einen Plan haben, der allen hier bei uns klar macht, dass wir den Laden weiterhin im Griff haben.
 
Ach ja, und Gisbert. Nimm dir Anika dazu. Wenn wir die Strategie überarbeitet haben, dann würde ich die gerne im Rahmen einer Abendveranstaltung präsentieren. Sie soll sich schon mal Gedanken dazu machen, ob und wie wir den Punkt „Motivation“ aufnehmen.

Das schaffen wir.“

Das könnte so sein, wäre aber raus unserer Sicht reiner Zufall. Erinnern wir uns: Wenn man einen Hammer hat, ist jedes Problem ein Nagel. Es geht um Werkzeuge, die Führung effizient und zielgerichtet machen sollen. Gerade in turbulenten Zeiten. Wir kennen Sie alle, wie unser Geschäftsführer in der oben beschriebenen Situation auch:

  • Das Werkzeug Strategie („der große Plan“): Wir in der Führungsmannschaft haben die Erfahrung und Kompetenz und können daher beschreiben, was wir alle machen müssen, um erfolgreich zu sein. Muss dann nur diszipliniert ausgeführt werden.
  • Das Werkzeug Steuerung: Führungskräfte erteilen Anweisungen und fordern Rückmeldung, damit die Erfüllung des großen Plans gesteuert werden kann.
  • Das Werkzeug Motivationssteigerung: Wenn nicht für alle klar ist, warum die Umsetzung der Strategie Sinn macht und welchen Beitrag jeder dazu leisten kann, wenn die Kopplung an den Wertschöpfungsgedanken nicht mehr klappt, dann muss motiviert werden. Mit Worten, oder Geld.

Alles klassische Führungswerkzeuge in Unternehmen. Und es gibt viele mehr.

Klassische Führungswerkzeuge gehen immer einher mit Organisationen, die an das Werkzeug der Führungskraft glauben. (Ja, richtig, auch ein organisationales Werkzeug.) An Positionen innerhalb der Organisation, die hierarchisch über anderen Positionen sind und damit z.B. disziplinarisch führen. Und immer Verantwortung tragen für bestimmte Aktivitäten, Ergebnisse, usw.

Klassische Führungswerkzeuge sind hoch effizient und belasten sogar die menschliche Sehnsucht nach Harmonie (wenn es die denn gibt …) sehr wenig, wenn sie zum Problem passen. Und hier sind wir am Kern. Dem Problem, das gelöst werden soll. Wenn das Problem das fehlende Loch in der Holzwand ist, um z.B. ein Bild aufzuhängen, dann ist der Hammer das richtige Werkzeug. Wenn das Problem das fehlende Loch in einer Rigipswand ist, dann könnte man mit dem Hammer noch gerade so die Schraube in die Wand treiben. Besser wäre aber ein Vorbohren für den Dübel und ein Schraubendreher für den Rest. Sollte nun das Loch in ein Stück Stoff gehören, z.B. als Knopfloch, dann könnte man mit dem Hammer sehr lange auf den Stoff einschlagen … irgendwann hätte man auch so etwas wie ein Loch …

(Organisationales) Werkzeug muss zum (organsiationalen) Problem passen.

Mangel an Motivation und Strategie sind in unseren Zeiten mitnichten die wirklichen Probleme. Beide zeigen heutzutage allerdings symptomatisch auf, dass etwas nicht mehr erfolgreich funktioniert. Wird ein Mangel an Motivation festgestellt, sollte diese Erkenntnis vielmehr dazu führen, zu verstehen, wo sie denn hin ist, die Motivation. Wieso sind denn eigentlich alle demotiviert? Aus unserer Erfahrung, weil Dinge innerhalb der Organisation nicht mehr so funktionieren, wie sie sollten: Prozesse stocken, Pläne passen nicht mehr zur (Kunden-)Wirklichkeit, steuernde Führungskräfte müssen sich mit sozialen Prozessen auseinandersetzen usw. Nicht ein mehr an Motivation durch klassische Führungswerkzeuge ist gefragt, sondern der Einsatz eines neuen Werkzeuges, wie z.B. eines Open Spaces, damit alle die Möglichkeit haben, zu artikulieren und zu diskutieren, was denn heute demotiviert. Moderne Führungswerkzeuge sind nicht an Führungskräfte oder Positionen gebunden. Sie zeichnet aus, dass sie Interaktion und Überraschungen erzeugen, in dem sie Raum geben. Sie fokussieren auf Problemlösungskompetenz und fördern informelle Strukturen. Unterm Strich sorgen sie dafür, dass eine Organisation in der Lage ist, Überraschendes zu erzeugen.

Unser Antipattern Meetup am 16.02.2017 gibt die Gelegenheit „Führungskräftewerkzeuge“ weiter gemeinsam zu thematisieren.

(Anmerkung: Dieser Blogartikel ist der Februar-Themenbeitrag des ORGANEO Antipattern Kalenders 2017.)

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