Ohne Maske auf der Hinterbühne

28. Februar 2018
Bärbel Pflugbeil

Na? Fasching, Fastnacht und Karneval gut überstanden? Oder gar nicht bemerkt? Spannend an der 5. Jahreszeit ist, dem Wunsch nachgehen zu können, sich zu verkleiden, „Urlaub von sich selbst“ zu nehmen. Während das in Kindertagen ganz selbstverständlich war, wird eine Maskerade von Erwachsenen schnell mit Bedeutung aufgeladen, als „alternative Selbstinszenierung“ oder Verstellung. Das Bedürfnis danach ist offenbar vorhanden.

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Der Mummenschanz im Karneval, in dem der sonstige Status keine Rolle spielt, ist auf wenige Tage beschränkt. Die Frage ist, ob wir das restliche Jahr über unsere Rollen mit Authentizität einnehmen oder uns in unseren Rollen verstecken. Soziologe und Autor Tilman Allert weist im Deutschlandfunk Kultur darauf hin, dass wir im Alltag in gewisser Weise gar nicht anders können als mit einer Maske herumzulaufen. Als klassische Situation, in der das Tragen einer Maske im Alltag bewusst wird, nennt er die Verlegenheit, etwa durch ein typisches Ins-Fettnäpfchen-Treten.

Davor wollen wir uns bei der Arbeit tunlichst bewahren! Also handeln und sprechen wir so, wie es von uns erwartet wird. Also legen wir die Gesichter auf und die Berufskleidung an, die von uns erwartet wird. „Power-Dressing“ im Beruf bedeutet, sich bewusst standesgemäß zu kleiden, um die eigene, gehobene Stellung zu verdeutlichen. Dabei sprechen doch heute viele von „New Work“.

Christoph Schäfer hat jüngst in der FAZ im Beitrag „Der Dienstwagen lebt“ über Statussymbole im Job berichtet:

„Alle Welt redet von flachen Hierarchien in modernen Unternehmen.  In Wahrheit legen die Chefs noch immer größten Wert auf sichtbare Zeichen ihrer Macht“.

Wenn sich die ING-DIBA als agile Bank inszeniert, in der selbst der Vorstandschef keinen eigenen Schreibtisch mehr hat, dann ist das zwar interessante PR, aber nur die halbe Wahrheit. Die Vorstände sitzen noch im obersten Stockwerk, haben persönliche Sekretäre, Parkplätze direkt vor der Tür und den Schlüssel zum Sonderaufzug. Teure Dienstwagen und Smartphones dürfen nicht fehlen. Jeder Vorstand eines DAX-Konzerns habe einen teuren Dienstwagen, wird der Leiter einer Personalberatung zitiert, man komme nur nicht mehr so leicht an ein Foto von ihm in so einer Limousine. Er lasse sich dann schon lieber am Steuer eines Smarts ablichten.

Selbst bei Start-Ups gibt es Hierarchien, schreibt Christoph Schäfer weiter. Zwar trage dort auch der Chef meist T-Shirt und Turnschuhe – außer ein Kunde komme zu Besuch. Und auf der Visitenkarte steht auch ein wohlklingender Titel, weil irgendetwas nun mal darauf stehen müsse. Und auch die Duzkultur wird als nur vordergründig entlarvt, denn Absolventen von privaten Universitäten und solche von normalen Universitäten hätten kaum miteinander zu tun.

Für uns bei ORGANEO sind das alles Ausdrücke der Unternehmenskultur. Da kann man dann sehen, dass Kultur immer ambivalent ist. Und durch die vielen Eindrücke, die Kultur widerspiegelt, wird sie auch sehr diffus. Man weiß ja eigentlich gar nicht, wo man denn ansetzen sollte, um sie in eine Richtung zu bewegen, die „gut“ oder „besser“ ist. Beides steht hier in Anführungszeichen, denn beides drückt immer aus, dass es für einen oder mehrere bestimmte Akteure „gut“ oder „besser“ wird, aber nie für alle.

Um dem Diffusen der Kultur etwas habhaft zu werden, unterscheiden wir gerne eine Vorderbühne und eine Hinterbühne der Organisation. Auf der gut sichtbaren Vorderbühne wird ein Unternehmensschauspiel mit verteilten Rollen geboten, bei dem Maske und Kostümierung eine wichtige Rolle spielen. Als Zuschauer kann ich auf der Vorderbühne Verhalten beobachten.

Die Hinterbühne entzieht sich der Beobachtung, sorgt aber in aller Regel dafür, dass die Vorstellung auf der Vorderbühne reibungslos abläuft. Dazu werden vom Souffleur bis zum Kulissenbeweger Unterstützungen angeboten und durchgeführt.

So wie die Hinterbühne unsichtbar ist, sind auch in der Regel die Werte einer Organisation nicht sichtbar. Lassen wir uns da nicht ablenken von den Bemühungen, Werte niederzuschreiben und zu internen und externen werblichen Zwecken einzusetzen. Denken wir immer daran, dass wir Menschen so tun können als ob. Sei es im Karneval oder im Unternehmen.

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